Online-Fortbildung mit Angelika Hrubesch: Wenn Schriftsprache zur Hürde wird
Am 30. September 2025 fand eine spannende Online-Fortbildung mit Angelika Hrubesch, Leiterin des lernraum.wien der Wiener Volkshochschulen, statt. Im Mittelpunkt stand das Thema „Deutschsprachige Erwachsene mit geringer Literalität“
Die Veranstaltung bot tiefgehende Einblicke in Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen von geringer Literalität.
Zwischen Lesefähigkeit und Schriftsprache
Ein zentrales Anliegen war die Unterscheidung zwischen primärem Analphabetismus – bei Menschen, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben – und funktionalem Analphabetismus – Menschen, die zwar lesen und schreiben gelernt haben, aber deren Lese- und Schreibkompetenz nicht ausreicht, um den Anforderungen des (digitalen) Alltags gerecht zu werden. Funktionaler Analphabetismus kann sich auch erst im Laufe des Lebens entwickeln und ist selbst in Industrieländern wie Österreich oder Italien ein weit verbreitetes Phänomen.
Hrubesch betonte, dass viele Betroffene zwar einzelne Wörter entziffern können, Schriftsprache jedoch nicht sinnerfassend nutzen. Dieses Phänomen sei stark abhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen und der Digitalisierung: Wer früher auch ohne Schrift zurechtkam, steht heute vor neuen Hürden.
Unsichtbare Barrieren im Alltag
Besonders eindrücklich waren die Schilderungen von Betroffenen. Viele erleben ihre geringe Literalität als belastend, vermeiden Situationen, in denen sie sich „outen“ müssten, und tragen Schuldgefühle mit sich. Ein während der Fortbildung gezeigtes YouTube-Video porträtierte Lernende aus der Basisbildung. Sie berichteten von Mobbing, negativen Schulerfahrungen und Stigmatisierung – und dennoch fanden sie den Mut, im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben zu lernen.
Gesellschaftliche Wahrnehmung und Verantwortung
Hrubesch hob hervor, dass geringe Literalität oft vorschnell Migrant*innen zugeschrieben wird. Dabei sind auch viele deutschsprachige Erwachsene betroffen. Angebote und Kurse für diese Zielgruppe sind jedoch wenig sichtbar, Basisbildung bleibt häufig ein Tabuthema. Notwendig sei daher ein gesellschaftlicher Perspektivenwechsel sowie politische Verantwortung, um die Bedeutung der Basisbildung stärker ins Bewusstsein zu rücken.
Barrierefreie Kommunikation und Vertrauen
Ein weiterer Schwerpunkt war die barrierefreie Gestaltung von Kommunikationswegen. Schriftliche Prozesse – etwa E-Mails oder Formulare – sollten vereinfacht und bewusst angepasst werden. Gleichzeitig braucht es eine gezielte Sensibilisierungs- bzw. Öffentlichkeitsarbeit. Entscheidend sei zudem Vertrauen: Viele Betroffene wissen gar nicht, dass es entsprechende Unterstützungsangebote gibt.
Austausch und Vernetzung
Die Online-Veranstaltung, organisiert von der KVW Bildung Brixen, bot den Teilnehmenden Gelegenheit, Fragen zu stellen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Wege für mehr Sichtbarkeit und Unterstützung zu diskutieren.
Mehr Informationen zu den landesweiten Unterstützungsstellen (NEU in Meran und Brixen ab Oktober 2025) unter diesem Link.
kf