Die Lebende Bibliothek im Multisprachzentrum
The living library - A stranger is a friend you haven’t met yet
Im Rahmen der Feierlichkeiten zum Tag der Bibliotheken am 21. Oktober 2011 hat das Multisprachzentrum Bozen seine Bibliothek mit ganz besonderen Büchern eingerichtet, nämlich eine Bibliothek mit lebendigen Geschichten: die „living library“.
Die Lebendige Bibliothek war wie eine herkömmliche Bibliothek aufgebaut, die mit lebendigen Büchern ausgestattet ist und den interessierten Lesern Sprachen und Kulturen der verschiedenen Länder näherbringt. Die lebenden Bücher waren an vier verschiedenen Punkten des Multisprachzentrums platziert, an welchen sie von den Besuchern des Zentrums konsultiert werden konnten.
Für die Besucher wurde ein Katalog erstellt, welcher über den Inhalt der verschiedenen „Bücher“ informierte; beim Durchblättern konnten sich die Besucher anhand von von Details wie beispielsweise dem Deckblatt, der angebotenen Sprache oder den „Ort der Veröffentlichung“ in auswählen, welchem Buch sie zuhören oder Fragen stellen wollten. Hauptdarsteller dieser Veranstaltung waren zwanzig freiwillige Mitbürger verschiedenster ausländischer Herkunft: Ecuador, Brasilien, Kolumbien, El Salvador, Afganistan, Indien, Pakistan, Moldawien, Rumänien, Litauen, Norwegen, Frankreich, Albanien, Kroatien und Australien.
Mit Leidenschaft und viel Enthusiasmus haben die lebendigen Bücher ihren Erinnerungen freien Lauf gelassen und von Traditionen und historischen Geschehnissen ihrer Herkunftsländer und –kulturen berichtet.
Die „Konsultation“ der lebendigen Bücher bestand nicht nur aus Zuhören, sondern vielmehr aus einem aktiven Dialog zwischen den Beteiligten: die Besucher waren eingeladen, den lebendigen Büchern Fragen zu stellen, nachzufragen und sich mittels der Erzählungen der Bücher und durch diese auf eine Reise zu begeben.
Die „living library“ hat somit zu einem direkten Kontakt zwischen Personen beigetragen, der unter anderen Umständen nicht zustande gekommen wäre und somit auch hilft, Vorurteile abzubauen.
Dank des Enthusiasmus und auf der Basis des Erfolges, die im Oktober des vergangenen Jahres durch die Initiative ausgelöst worden war, hat das Multisprachzentrum des italienischen Bildungsressorts der Provinz am 3. Mai 2012 im Rahmen des Projekts „Für eine aktive Staatsbürgerschaft 2012“ eine weitere Ausgabe der lebendigen Bibliothek angeboten. Die virtuelle Reise zwischen den tausend Farben unserer Erde begann in Afghanistan führte nach Mazedonien, Albanien, Norwegen und Südamerika. Die Erzählungen wurden von Fotografien, multimedialen Bildern und Anekdoten bereichert und von Empfehlungen zur Vertiefung der Kenntnisse über die verschiedenen Länder und Kulturen begleitet.
Video Rai TGR Bolzano Sendung über die Ausgabe der lebenden Bibliothek vom 25.10.2018 (in italienischer Sprache)
Human library organization - official Webseite: http://humanlibrary.org/
Die lebende Bibliothek (übersetzt aus dem Original Human library) ist eine echte Bibliothek mit Lesern, Bibliothekaren und einem Titelkatalog. Die Besonderheit liegt darin, dass die Bücher echte Menschen aus Fleisch und Blut sind, die den Lesern aus ihrem Leben erzählen.
Die Idee der lebenden Bibliothek geht davon aus, dass der Leser eine direkte Beziehung zum "Buch" haben kann, Fragen stellt und direkt mit dem „Buch“ interagiert, um dessen Geschichte zu hören.
Das "Buch" kann von sich selbst, seinem Leben, seinen Erinnerungen, Erfolgen und Niederlagen, Gefühlen, Ängsten, Freunden, usw. berichten. Es hat die Freiheit, dem Leser/Hörer das zu vermitteln, was es möchte.
Die lebende Bibliothek ist ein Werkzeug, das dazu dient, Stereotypen und Misstrauen zu begegnen, Wissen und Dialog zu fördern, und die Möglichkeit, mit anderen Menschen zusammenzukommen, zu erleichtern. Die Leser haben die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten, auf die sie normalerweise kaum treffen würden. Das Treffen macht die Person, die man vor sich hat, konkret und einzigartig, sie wird nicht mehr verallgemeinernd als Teil einer Kategorie wahrgenommen, sondern in ihrer Einzigartigkeit, und zwar nicht zuletzt aufgrund ihrer Erfahrung und Geschichte.
Nähere Informationen:
Human library organization - official site: http://humanlibrary.org/
Lebende Bücher sind Menschen, die sich der Zugehörigkeit zu Minderheiten, die Stereotypen und Vorurteilen unterworfen sind, bewusst sind. Durch den Wunsch, diese aufzubrechen, sind sie bereit, ihre eigenen Erfahrungen und Werte mit anderen zu diskutieren.
Die Titel können bewusst sehr direkt sein (z.B. "Islamische Frau mit Schleier", "Albanischer Emigrant", ...), um die emotionalen Reaktionen potenzieller Leser herauszufordern, ihre Neugier zu wecken, aber auch Stereotypen und Vorurteile.
Die Leser/Zuhörer haben einen Katalog mit lebenden Büchern zur Verfügung, aus dem sie jeweils ein Buch auswählen und für etwa 20 Minuten ausleihen können. In dieser Zeit kann der Leser Fragen stellen, Ideen entwickeln, seine Neugier befriedigen und Vorurteilen und Stereotypen begegnen.
Wie in jeder Bibliothek gibt es klare Regeln:
Die Rechte des "Lesers"
- Kann an einem Tag mehrere Bücher entlehnen
- Kann Fragen an das Buch stellen
- Der Service ist kostenlos
Die Regeln für den "Leser"
- Es kann nur jeweils ein Buch ausgeliehen werden
- Die maximale Leihfrist beträgt 20 Minuten
- Das Buch muss im selben Zustand zurückgegeben werden, in dem es entlehnt wurde!
- Das Buch muss mit Respekt behandelt werden, seine Gefühle und seine Würde dürfen nicht verletzt werden.
Die Rechte des "Buches"
- Mit Respekt behandelt werden
- Heikle Fragen müssen nicht beantwortet werden
- Die Lesung zu beenden, wenn das „Buch“ es für angemessen erachtet
Man beurteilt ein Buch nicht nach seinem Cover, und eine Person nicht nach ihrem Äußeren.
Für die Wahl eines Buches braucht es Zeit und Mühe; es ist nicht so, als würde man ein Getränk bestellen. Die Wahl eines lebenden Buches bedeutet eine größere Anstrengung: man muss in der Lage sein, sich mit einer "anderen", "fremden" Person zu unterhalten, die man nie zuvor gesehen hat. Wir müssen uns anstrengen, um jemanden außerhalb unserer eigenen Sicherheitszone kennenzulernen.
Mit Opfern von Klischees (Feministinnen, Muslimen, Personen mit Piercings oder Tattoos) zu sprechen, fördert unser soziales Sicherheitsempfinden, auch außerhalb der Bibliothek; das nächste Mal, wenn wir auf eine fremde Person stoßen, werden wir vielleicht nicht mehr die Straßenseite wechseln; wir werden uns wohler fühlen, wenn wir uns in der Vielfalt bewegen, weil wir gelernt haben, unterschiedlichen Menschen zu begegnen.
Die lebende Bibliothek tut uns gut!